WS 17_18 ab 23.8.2017:

Gesprächs- und Selbsterfahrungs-gruppe für Männer

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Kopien_Abdruck nach Absprache

Ein Bundesrat muss nicht unbedingt ein Fisch sein_«Infosperber»

Auch Basler müssen duschen und das absehbare Glück_«Infosperber»

«Der brave Herr Schulz» kann nicht Kanzler_«Infosperber»

Wenn der Fels sich rötet – betet, freie Schweizer_«Infosperber»

Humanität à la carte oder alles hat seine Grenzen_«Infosperber»

Wenn Identitäten an gestopften Gänselebern hängen_ «Infosperber»

Klaus Rózsa, Fotograf: Budapest – Zürich retour_«Infosperber»

Lieber Kohl in Speyer als Vagabund in Hinterau_«Infosperber»

Vom Knaben zum Mann – Die Angst vor der Gleichheit_«Infosperber»

Schluss mit politischer Korrektheit,
aber richtig
_«Infosperber», «P.S.»

Der Islamist ein Spekulant,
der Unsterbliche tot
_«Infosperber»

Mit Trommeln und Geschrei gegen dunkle Seiten_«Infosperber»

Wenn der «Blick» auf Politik macht_«Infosperber»

Wenn «Miss Europa» sich nicht fotografieren lässt_«Infosperber»

Rentenalter 90 – aber nur für die Allerreichsten_«Infosperber»

Mit Trump zum Züri Zoo. Höcke ist auch ein Zebra.
(Fällander Tagebuch 8)_«Infosperber»

Ein typischer Mensch – Nationalität vor Qualität
(Fällander Tagebuch 7)_ «Infosperber»

Mehr als eine «Schande» – Höckes AfD-Deutschland_«Infosperber»

5000 namenlose Tote oder Tripptrapp für Xi Jinping
(Fällander Tagebuch 6)_«Infosperber»

Happy to you: Auch für Flüchtlinge, Meere und Frauen
(Fällander Tagebuch 5)_«Infosperber»

Die Heimkehr in den VPOD_Die Schiwoff-Affäre 10_10, «Infosperber»

Der Prozess & das Urteil_Die Schiwoff-Affäre 9_10, «Infosperber»

Lassen Sie sich scheiden_Die Schiwoff-Affäre 8_10, «Infosperber»

Keine Kollege mehr_Die Schiwoff-Affäre 7_10_«Infosperber»

Wer ins Gymi will, soll sich konform verhalten_«Infosperber»

Die Verhaftung_Die Schiwoff-Affäre 6_10_«Infosperber»

Feindpropaganda bestätigt_Die Schiwoff-Affäre 5_10_«Infosperber»

Folgenschwere Übergabe_Die Schiwoff-Affäre 4_10_«Infosperber»

Berliner Tage_Die Schiwoff-Affäre 3_10_«Infosperber»

Die ersten Bilder fallen_Die Schiwoff-Affäre 2_10_«Infosperber»

Der Krieg und sein Ende_Die Schiwoff-Affäre 1_10_«Infosperber»

Pensionskassenfrühling & andere Zukunftsinseln
(Mailwechsel mit Stefan Howald 4_4)_«Infosperber», «Theoriekritik»

Bürgerliche Demokratie & Wirtschaftsdemokratie
(Mailwechsel mit Stefan Howald 3_4)_«Infosperber»,
«Theoriekritik»

«Demokratische Bewegung von unten aufbauen»
(Mailwechsel mit Stefan Howald 2_4)_«Infosperber»,
«Theoriekritik»

«Demokratie ist eine Praxis»
(Mail-Wechsel mit Stefan Howald 1_4)_
«Infosperber», «Theoriekritik»

Hans ist nicht Bhumibol oder Abhitlern & Toleranz
(Fällander Tagebuch 4) _«Infosperber»

US-Wahlen: Grossmaul schlägt Musterschülerin__«Infosperber»

«Terror». 164:70'000. Voten, Quoten und Optionen._«Infosperber», «PS»

Schwindel am Matterhorn
(Fällander Tagebuch 3) «Infosperber»

Trump, Gilli, Köppel, Houellebecq – alle «Araber»_«Infosperber»

Katzenscheisse, Gämsen, Fussabdrücke und Bigbang
(Fällander Tagebuch 2)_«Infosperber»

Tränen und die letzten Cowboys im zahmen Westen_«Infosperber», «PS»

Burka verbieten – und das Abendland ist gerettet_«Infosperber»

Clinton. Trump. Shoemaker. Die Geschlechterwahl
(Fällander Tagebuch 1)_«Infosperber»

NZZ, (K)alter Krieg & die nützlichen Idioten 2016_«Infosperber»

Der Nackte oder Im Engadin steht die Welt kopf
(Engadiner Tagebuch 7=Schluss)_«Infosperber»

Im Namen der Natur zum Zweiten
(Engadiner Tagebuch 6)_«Infosperber»

1. August 2016 oder Im Namen der Natur zum Ersten
(Engadiner Tagebuch 5) _«Infosperber»

Das zunehmende Erschrecken in den Alpen
(Engadiner Tagebuch 4)_«Infosperber»

Keine Ferien von der Welt oder Bündner Gendereien
(Engadiner Tagebuch_3)_«Infosperber»

Ein Tag im Original-Sylter-XXL-Sonnenkorb: 70 Fr.
(Engadiner Tagebuch 2)_ «Infosperber»

Im Engadin wird vor Schüssen noch gewarnt
(Engadiner Tagebuch 1)
_ «Infosperber»

Verschleiern oder «köpfen».
Das ist hier die Frage.
_«Infosperber»

Typischtypisch oder unser Roger ist ein Deutscher_«Infosperber»

Ab mit der «Scheisse» in den (Fernen) Osten_«Infosperber»

«Einen Boateng» oder die Gaulandsche Verteidigung_«Infosperber»

Wenn der «SonntagsZeitungs»-Chef Lehrerlis spielt_«Infosperber»

Fussball & Gewalt machen «Männer»_«Infosperber»

Ein Schlag – Islam gestoppt & Integration gerettet_«Infosperber»

Blick, Bestie, Bin Laden: 3xB und ein Gesicht oder Rupperswil: Die Sehnsucht nach der «Bestie» I & II _«Infosperber»

Die Welt überfordert uns. Andere bringt sie um._
«Bulletin Solidarité sans frontières»

Nicht totzukriegen – Die ewige Rückkehr der Götter_«Infosperber»

Überdruck und andere einfache Erklärungen_«Infosperber»

SVP: Inszenierung einer Ausgegrenzten & Verfolgten_«Infosperber»

Verzweifelte LehrerInnen filmen – verboten_«Infosperber», «P.S.»

Köppels Grinsen und Glättlis Befreiungsschlag_«Infosperber»

Wenn Menschenrechte für Religionen nicht gelten_«Infosperber»

Brüsseler Hokuspokus: Der liebe Gott hat gepfuscht_«Infosperber»

Schule & Gesellschaft scheitern an der Integration_«Infosperber»

Unterwerfung oder Die Aufklärung ist dem Menschen zumutbar_«Die Gazette»

Lieber Seniorenschwemme als Flüchtlingsflut_«Infosperber», «P.S.»

«Pfefferscharf» gegen Menschenrechte I + II _«Infosperber»

Durchsetzen – Jedem & jeder die eigene Verfassung_«Infosperber», «P.S.»

Volk ohne Kopf oder Einfamilienhaus- & Blockkinder_«Infosperber»

Alles hat seine Obergrenze, selbst der Hunger_«Infosperber»

Die SVP, der Wunschzettel & der Mut zur Opposition_«Infosperber»

Lieber den Colt im Halfter als die Bombe im Sack_«Infosperber»

Economiesuisse und der Besuch der alten Dame_«Infosperber»

Integration in Zeiten des Terrors_«Infosperber», «P.S.»

Sexuelle Lehrjahre im «Puff» – aber nur für Männer_«Infosperber», «P.S.»

Geld oder Deutsch! Der Zuger Handel_«Infosperber»

Wer hat in der Schweiz das Sagen? Frauen nicht._ «Infosperber»

(Rechts-)bürgerliche Opposition am Ende_«Infosperber», «P.S.»

Der «Medienberater» des «Tagi» und «das Klageweib»_«Infosperber»

Kunst & Politik = Sich das ganz andere vorstellen_«Infosperber», «P.S.»

Feindbild Mann – fremd, jung, alleinstehend_«Infosperber»

Freie Rede für Köppel. Andersgläubige. Hassprediger_«Infosperber»

«NZZ a. S.» fordert Aussenpolitik in Militärstiefeln_«Infosperber»

Für wie viel nehmen Sie FialaMörgeliWermuth & Co.?_«Infosperber»

Urlaub von Flüchtlingen & anderen Unbilden_ «Infosperber», «p.s.»

Der Ausweis: das Original – der Mensch:
die Kopie
_«Infosperber», «entwürfe»

Griechenland, das missratene Kind – Eine Nachlese_«Infosperber»

Eltern können für ein Kind eine Katastrophe sein_«Infosperber»

Die faulen Griechen oder Der Neid der Tüchtigen_«Infosperber», «p.s.»

Kriminelle Nationalitäten, Kantone & Co._«Infosperber»

Zeitreise Zürich – SchülerInnen kommen zu Wort_«Infosperber»

Israel, z.B., und die uniformierten VerräterInnen_«Infosperber»

«Kill Zone USA» oder Männliche Waffenlogiken_«Infosperber»

Lehrplan 21 oder die Angst vor den SchülerInnen_«Infosperber», «p.s.»

Bacholerette: Mensch Mann, Frau – schön blöd_«Infosperber», «p.s.»

Detektoren statt Psychiater: Blicke in die Zukunft_«Infosperber»

Der Maurer wird nicht Metzger, sondern Bundesrat_«Infosperber»

Ich & Du & «die Schweiz» gehen k.o._«Infosperber»

Homo aus freien Stücken – das wäre Emanzipation_«Infosperber»

Wer nicht arbeitet, soll sterben_ «Infosperber»

Die Schule macht keine Männer (I + II)_ «Infosperber»

Verletzte Gefühle – Kussverbot. Krieg abgesagt. _«Infosperber»

Freiheitskämpfer. Soldaten. Mörder. Unmenschen._«Infosperber»

Die Natur- und Mutter-Mythen des Roger K. _«Infosperber»

Mörder(innen) verstehen = selbst Mörder(in) werden_«Infosperber»

Männer oder Opfer, Frauen oder TäterInnen (I + II)_«Infosperber», «p.s.»

Bedroht von Ökonomisierung & Ökologisierung_«Infosperber.ch»

Das böse Spiel am Runden Tisch_ «www.Infosperber»

Vollbeschäftigung für fünf Franken in der Stunde_«Infosperber»

Weniger degustieren – mehr lesen_«Infosperber»

Kauf&Nutzung – Nur mit Bedarfsnachweis _«Infosperber»

Aufklären, aufgeilen, aufhetzen – Paradoxe Bilder _«Infosperber»

«Carlos» oder Es wird weiter «geblickelt» _«Infosperber»

Wenn der Einzelfall öffentlich wird_«Infosperber», «P.S.»

Wer, ganz nebenbei, ist «die Wirtschaft»?_«Infosperber», «p.s.»

Wir lassen Menschen auch verhungern_«Infosperber»

Parallelwelten oder Wenn Not erfinderisch macht _«Infosperber»

«Notnagel» Frauen _«Infosperber»

Eine Goldmedaille macht noch keine Inklusion _«Infosperber»

Wenn eine Baden-Reise öffentlich bedeutsam wird _«Infosperber»

Ökologie und Bevölkerungspolitik nicht vermischen _«Infosperber

Wenn sich nur noch SiegerInnen aufs Podest drängen _«Infosperber»

Betet, freie Schweizerinnen, betet! _«Infosperber»

«… im Zweifel für die (potenziellen) Opfer» _«Infosperber»

Merkblatt für Flüchtlinge und andere Asylanten _«Infosperber»

Schwingerkönig oder Mister Schweiz sind Wurst _«Infosperber»

Die Sehnsucht nach dem Bild, das den Krieg beendet _«Infosperber»

Kompetenz- und andere Hochstaplergeschichten _«Infosperber

Wann ist ein Vater (m)ein Vater?_«Infosperber»

Das Stockholm-Syndrom oder Sich vorstellen können, dass es auch ganz anders sein könnte (auf «Infosperber»)
_In: «Schlafes Bruder, wann stirbst du endlich?» «Der Bund» Essay-Wettbewerb - Die 20 Besten. Zürich: Offizin, 2014

Abseits des normierten Schulparcours lernen
_«WOZ - Die Wochenzeitung»

Menschen sind gefragt, wenn sie gebraucht werden _«Infosperber

Eine gesunde Schule wäre eine andere Schule _«Infosperber»

Wenn das Volk zu aktiv wird_«Infosperber»

Wer braucht einen wie Blocher _«Infosperber»

Taten statt Worte oder Die Schule macht keine Männer_Knaben und Mädchen - heute gleichgestellt? Referate und Podiumsdiskussion an der Pädagogischen Hochschule, Chur, 10.4.2014

Das individuelle Treatment oder Der Tag, an dem ich das Telefon abnahm - Ein Dank_unveröffentlicht

Prostitution beschädigt auch den Käufer_«Infosperber» und «p.s.»

Wenn Menschen als Belastung der Natur erscheinen_«Infosperber»

Als gäbe es sie nicht _«Infosperber»

Moralische Konsequenzen_«Infosperber»

Die Angst vor der Gleichheit - Buch-Beitrag zu «Ein Haus verändert das Leben - Geschichten und Visionen», Stiftung Frauenhaus Aargau-Solothurn

Kein Geld für Psychotherapien mit Goldfischen_«Infosperber»

Weniger Staat, mehr Staatsschutz_«Infosperber»

Tarnkappen für alle_«Infosperber»

Verantwortungs-Los_«Infosperber»

Frau Präsidentin - Sie sind der schönste aller oder Herrenwitze und andere Übergriffe_Jahresbericht Frauenberatung Sexuelle Gewalt

Der Mörder steht immer draussen vor der Tür_«Infosperber»

Unbekannt_unveröffentlicht

Das individuelle Treatment
- Ein Dank

Das letzte Wort

Auch Basler müssen duschen
und das absehbare Glück
(Fällander Tagebuch 14)

Wenn Götter verbieten, was Menschengesetze verlangen, gibt es Streit. Das Leben ist kein Kitschfilm. Deshalb gibt
es kein Happyend.

Samedan, 8. August 2017

Sie erinnern an Städter und Städterinnen, die noch nicht wirklich wach waren, als sie in den Kleiderkasten griffen, in den falschen Zug gestiegen oder aus der (Jahres-)Zeit gefallen sind – die, vermutlich, strenggläubigen Jüdinnen und Juden, die in Bergrestaurants häufig nur Getränke bestellen. Das Mitleid der Modischen – die in ihren atmungsaktiven, wind- und wasserdichten Uniformen für jede Witterung gerüstet sind – ist ihren traditionell gekleideten Kindern gewiss. Die beiden älteren Herren in Schwarz und Weiss – die dem Individualisten ins ungläubige Auge stechen – kommen uns auf der Strecke zwischen Pontresina und Morteratsch retour immer wieder entgegen, grüssen jedes Mal freundlich, obwohl sie einander viel zu erzählen oder zu sagen haben, womöglich in einen differenzierten Disput über irgendein Zitat aus dem Talmud vertieft sind.

Samedan, 10. August 2017

Auf dem Bike, das auch nur ein Velo ist, zwischen Samedan und Morteratsch fällt es mir nicht ein, erst nachträglich, beim Schreiben, bemerke ich – der Geburtstag meines Vaters. Niemand wird sich daran erinnern. Meine Mutter nicht – weil ihr das meiste im Minutentakt entfällt. Nur, dass es in ihrer Kindheit in Langnau am Albis erst drei Autos gegeben habe, das erzählt sie bei jeder Gelegenheit. Anderen ist das Datum nicht vertraut, weil so einer wie mein Vater – der vor über zwanzig Jahren gestorben ist – schon zu Lebzeiten zu den Unauffälligen gehörte, lange vor seinem letzten Tag verschwand und keine nachhaltigen Spuren hinterliess.

Das Leben meines Vaters ist schnell erzählt. Die Pfarrerin liess an der Beerdigung, 1994, die Geschichte des kleinen Mannes, der es nicht ins Scheinwerferlicht gebracht, rasch hinter sich. Um zu den grossen, den Trost spendenden Mythen von Leiden und Auferstehung – denen der Verstorbene nie wirklich getraut, aber sicherheitshalber die kirchlichen Ablassprämien trotzdem weiter bezahlt hatte – zu kommen. Nicht einmal dreissig Sekunden brauchte sie für die Jahrzehnte zwischen meiner Geburt und seinem Tod. Büro und Frau über vierzig Jahre die Treue gehalten. Keine besonderen – weder Vorkommnisse noch Merkmale. Ein knapper Hinweis auf sein geliebtes Bergvagabundensindwir. Wobei mein Vater das «Erklimmen schwindelnder Höhen … mit Seil und Hacken, den Tod im Nacken …» den schlagernden «Brüdern auf Leben und Tod» überliess. Dann die Krankheit, die ihm den Atem nahm. Und Exitus. Die Tausende von Dias, die er nach seiner Pensionierung hatte ordnen wollen, blieben, weil er dafür schon zu müde war, in den provisorisch beschrifteten Kassetten. Bis auf ein paar wenige stopfte ich sie beim Umzug meiner Mutter ins Altersheim in die bekannten grauen Säcke.

Der Hobbyfotograf war geboren worden. Als erster. In einer ärmeren Familie. Wenn der Grossvater den halben Znünicervelat wieder nach Hause brachte, hätten sie als Kinder ein Festessen gehabt. Erzählte er mehr als einmal. Und ich glaubte ihm. Ein Buch habe ich in dem Wönigli, in dem nur das Stübli geheizt war, nie gesehen. Den Sihltaler habe nur der Vatervater in die Hand bekommen. Dem Rest der Familie habe er beschieden, er sage ihnen dann schon, was sie wissen müssten. Von der Grossmutter habe ich nie ein Widerwort gehört. Gegen wen auch immer. Am liebsten spielte sie EilemitWeile. Alle zehn Minuten sagte sie: «Soso.» Das war ihre Philosophie.

Ich hätte mir einen anderen Vater (und eine andere Mutter) gewünscht. Einen grossartigeren. Dessen Leben Geschichten hergegeben. Der wenigstens eine reichhaltige Bibliothek besessen. Aber da reihten sich, neben Kristallgläsern mit mütterlichen Ritzereien, nur Silva- an Nestlébücher. Neben drei, vier Gutenberg-Bänden von Jeremias Gotthelf stand «Die weisse Spinne» von Heinrich Harrer. Mein einziger Stolz waren die Glauser-Romane. Ich schämte mich für das Büchergestell meiner Eltern. Und für diesen Verrat an der eigenen Klasse. Ein Begriff, der ihn damals hätte zusammenzucken lassen und heute nur noch müdes Grinsen provoziert.

Während sie rundum zu Millionen in Gaskammern getrieben und auf Schlachtfeldern niedergemacht wurden, lag er als HD-Soldat, hier in Samedan, in Engadiner Sonne und Schnee, kam im Dienst des Vaterlands zu seinen ersten Skiferien. Warum hat er keiner Widerstandsgruppe den Weg durchs Gebirge gezeigt? Keine Jüdin im Gartenhäuschen des Grossvaters versteckt? Oder wenigstens einen Koffer voller antifaschistischer Schriften über die Grenze geschmuggelt? Wie der alte Huber, der – 1939 unmittelbar jenseits der österreichischen Grenze arretiert – erst nach Kriegsende aus dem Konzentrationslager Dachau zurückkam und später seinen Kindern sowie Kindeskindern immer wieder die Gasleitungen an die Wand projizierte, die er hatte bauen müssen, aber nie in Betrieb genommen worden seien. Als er sein KZ-Gwändli, das dem Pyjama meines Vaters glich, in einer Zürcher Genossenschaftswohnung neben mein Lederjackett in die Garderobe hängte, wurde mir zum ersten Mal richtig spürbar – das Gelesene verwies auf millionenfach nicht überlebte Wirklichkeiten. Ich aber musste mir an verregneten Sonntagnachmittagen die ewigen Bergpanoramen, Silberdisteln und verwackelten Steinböcke anschauen.

Mein Vater hatte gelernt: Uns Kleinen geht es gut, wenn es den Reichen besser geht. Und stimmte, 1977, gegen die Reichtumssteuer. Von grossen Idealen hat er wenig gehalten. Von grossen Idealen, das war, vermutlich, seine Erfahrung, haben die kleinen Leute noch nie leben können. Höchstens von handfesten Brosamen. Er hatte gelernt: Das Leben ist kein Honiglecken. Das Leben ist kein Hollywoodfilm. Im Leben gibt es kein grosses Glück, keine grosse Liebe, keine grossen Träume und keine grossen Tränen. Er hatte gelernt: Wir sind halt nur kleine Leute. Wir können die Welt nicht ändern. Die Welt ist nicht unsere Welt.

Dagegen stellte ich den Satz von der Veränderbarkeit der Verhältnisse, die Forderung nach dem Eintritt der Kleinen in die Weltgeschichte, auf dass sie nicht länger Opfer blieben, sondern diese Welt zu ihrer machten. Das hiesse Widerspruch, Widerstand, aufrechter Gang. Ich nahm es meinem Vater insgeheim übel, dass er kein Held war. Und wusste, es war ungerecht. Denn: Was ist das für eine Welt, in der es zur Herstellung des Selbstverständlichen Helden oder Heldinnen brauchte?

Fällanden, 12. August 2017

Wir sind schon auf dem Heimweg, als in einem Aroser Hotel ein Plakat an die Tür zum Schwimmbad geklebt wird. «An unsere Basler Gäste: Bitte duschen Sie vor und nach dem Schwimmen. Wenn Sie die Regeln verletzen, bin ich gezwungen, den Swimmingpool für Sie zu schliessen.» Müssen die aus Schaffhausen, Zürich, Fribourg, Bern und dem Wallis nicht duschen? Oder unterstellt der Verfasser – der sich als Frau herausstellt –, alle anderen, von Genf bis Bahrain, würden brav Schweiss und Strassenstaub von ihren mit Faktor 50 geschützten Körpern spülen, bevor sie sich in das hoteleigene Bassin gleiten lassen? Nur die Basler, alle Baslerinnen nicht? Das wäre, auch wenn es zwei, drei, zehn solche Duschmuffel aus der Nordwestschweiz gäbe, eine unzulässige Verallgemeinerung. Eine ebenso rassistische Denkfigur wie der Facebook-Post «Alle Weissen sind rassistisch», der das Transgender-Model Munroe Bergdorf Anfang September, nach nur vier Tagen, das Engagement bei L’Oréal kosten wird (Tagesanzeiger, 11.9.). In einer Winterthurer Badi werden Duschverweigernde, unabhängig von ihrem Geschlecht, auf einer vermutlich witzig gedachten Tafel als Schweine tituliert. Das werde ich lesen, als bereits die erste Herbstfront angekündigt werden wird.

In Arosa aber hängt das Plakat schon nicht mehr, als der Umstand, dass da real nicht Basler, sondern «unsere jüdischen Gäste» exklusiv zum Duschen aufgefordert werden, weltweit Schlagzeilen macht. Der unausgesprochene Generalverdacht gegen eine bestimmte Ethnie, aufgeladen durch die mörderische Verbindung von Duschbefehl und Judentum, fällt auf die Autorin zurück. «Wie die Weltpresse R. T. zerriss. 1000 Hassmails – wegen eines unbedachten Hinweises an jüdische Touristen.» Berichtet die Sonntagszeitung am 20.8. Die NZZ weiss schon am 15.8., dass das Simon-Wiesenthal-Zentrum «laut einer Meldung der Deutschen Presseagentur am Dienstag die Schliessung des Hauses in Arosa» verlangt. Reaktionen, die ihren Auslöser (fast) vergessen machen. Die Urheberin der Aufregung gibt im Blick vom 24. August etwas selbstmitleidig zu Protokoll, «das Plakat bereue sie längst, ‹ich habe es ohne Fingerspitzengefühl gemacht, und dafür muss ich nun bitter bezahlen›». Auf Watson lässt sie sich mit der späten Erkenntnis zitieren: «Ich hätte die Bitte an alle Gäste richten sollen.»

Dann hätte es eine ganz andere öffentliche Debatte geben können und müssen. Falls überhaupt publik geworden wäre, was dem Wirbel um das als antisemitisch interpretierbare Plakat voraus gegangen war. «Dass in Arosa offenbar Mitglieder der chassidischen Gemeinde einen Pool nutzten, ohne die geltende Regel, zuvor zu duschen, befolgen zu wollen.» Wie die in einer chassidischen Gemeinde in New York aufgewachsene Autorin von «Unorthodox» und «Überbitten», Deborah Feldman, am 20. August in der NZZ am Sonntag schreibt. Um dann am Beispiel des Duschens und Strenggläubiger jüdischen Glaubens auf den grundsätzlichen Konflikt hinzuweisen, der auch andere Religionen betrifft: «Betreten aber Chassidim einen hoteleigenen Pool, so tun sie dies mit dem Selbstverständnis, dass keine einzige Regel der Aussenwelt für sie Gültigkeit besitzt: Von Relevanz sind für sie allein die von Rabbinern erlassenen Regelwerke.»

Wann sind verbriefte Normen (vom Verfassungsartikel bis zur Badeordnung) – die einzelnen religiösen Sitten und Geboten widersprechen – Angriffe auf die Religionsfreiheit, allenfalls sogar mit rassistischem Hintergrund? Wann gilt das Primat von Menschenrechten und demokratisch beschlossenen Verfassungen, Gesetzen, Verordnungen? Und wenn dieses Primat nicht konsequent durchgesetzt würde – könnten dann auch Angehörige nicht-religiöser Weltanschauungsgemeinschaften Sonderrechte für sich beanspruchen? Dürften beispielsweise dogmatische Kommunistinnen – in deren ethischen Vorstellungen das Privateigentum keinen Platz hat – ungefragt in Nachbars Garten und Pool ein öffentliches Sommerfest veranstalten? Fundamentalistische Tierschützer ungestraft die Zirkuslöwen freilassen? Und radikal-pazifistische Gruppen die Waffenlager der Armee in die Luft sprengen, ohne Angst, vor Gericht gezerrt zu werden?

Wenn es keine höheren Verfassungen und Gesetze als die von Menschen ausgehandelten gäbe, Menschenrechte eben, hätte das, vermutlich, für (fast) alle Religionen einschneidende Folgen. Das für aufgeklärte und demokratische Utopien charakteristische Primat entzöge dem Versuch, menschengemachte Moralvorstellungen und Gebräuche religiös «aufzuladen», das heisst in irgendwelche Himmel zu projizieren und als absolute göttliche Gebote wieder auf die Erde zu schleudern, jede Legitimationsgrundlage. Und wer sich nicht an die Baderegeln oder den Gleichstellungsartikel hielte, könnte sich nicht auf irgendwelche Götter oder heilige Schriften berufen, sondern müsste mit denselben Konsequenzen leben wie alle anderen, die gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung rebellieren. Die Frage ist nur, welche Moralvorstellungen und Sitten eine Gesellschaft zum verbindlichen Gesetz machen will. Der Handschlag, freundliche Gesichter, nachhaltige Ferien, wollene Socken und offene Türen sind es nicht.

23. August 2017

Ich schaue mir – wie so oft, wenn ich in papiernen oder digitalen Zeitungen blättere, Notizen mache, Protokolle schreibe, Mails beantworte oder sogar Bücher lese – einen dieser Kitschfilme an. Einen, den ich schon mehrmals gesehen. Es geht mir wie bei den meisten Krimis – ich weiss den Schluss nicht mehr. Obwohl die Faszination des Kitschfilms ja gerade im absehbaren Glück besteht.

Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, wiederholte sich an vielen Sonntagabenden dieselbe Szene: Um etwa 21.40 Uhr seufzte meine Mutter – die sich, neben meinem Vater sitzend, ein Leben lang nach der grossen unbekannten Liebe sehnte –, heute würde den Liebenden das erlösende Glück nicht vergönnt sein. Fünf Minuten vor Schluss schienen ihr die Hindernisse, ohne die Hilfe von James Bond 007, unüberwindlich, konnte sie sich nicht vorstellen, wie die beiden (drei oder vier sind es selten) in der verbleibenden Zeit noch zusammenkommen sollten, wo sie doch eben gerade enttäuscht auseinandergelaufen, der oder die andere schon einen Flug ans andere Ende der Welt – nicht an das oberhalb Biels – gebucht hatte. Ich aber erklärte, nach kurzem Blick auf die Uhr, in jugendlicher Gelassenheit, der Film sei erst in fünf Minuten zu Ende. Das reiche – Sonntagabend, Glück garantiert – alleweil. Und so war es denn auch. Der Flieger wurde – nach einer leidenschaftlichen Liebeserklärung über das Mikrofon der verträumt lächelnden Hostess am damals noch geöffneten Schalter der Swissair – im letzten Moment gestoppt. Der Enttäuschte war nicht in den Bus gestiegen, schaute in die grossen Augen des keuchenden Geliebten und wusste, ihr konnte er vertrauen. Für immer.

In der Wirklichkeit gibt es für die Liebenden häufig kein Happyend, sondern eine Scheidungsverhandlung oder ein SMS «Habe fertig». Und das Leben, jedes Leben geht – wenn religiöse oder andere verklärte Blicke einen nicht trösten – schlecht aus. Die tägliche Zeitungslektüre – von der Front bis zu den Todesanzeigen – führt einem und einer das schmerzlich vor Augen. Da ist für einen wie mich der Kitschfilm, was für die anderen der Whisky oder der Joint – eine Beruhigungsspritze ohne böse Überraschungen. Vor allem, weil er mich immer wieder an die reale und wiederkehrende Leichtigkeit des Seins mit S. erinnert. Auch wenn ich mich nicht an den Schluss erinnere – ich weiss: Alles kommt gut. Das weiss ich mit Sicherheit. Aber im Gegensatz zu Kindern, die sich auch immer wieder dieselbe Geschichte erzählen lassen und dann reklamieren, letztes Mal seien die Elefanten noch grün gewesen und der Wolf in die Gletscherspalte gefallen, bevor er das Rotkäppchen gefressen; im Gegensatz zu Kindern, die darauf bestehen, dass die Geschichte immer gleich erzählt wird, weiss ich, auch nach dem dritten Mal, nicht einmal mehr, ob die Frau am Ende zu ihrer neuen Liebe zieht oder zu ihrer alten zurückkehrt. Beides kann ein glückliches Ende sein. Oder auch nicht.

Siehe auch Infosperber

Das letzte Wort

Wenn der Fels sich rötet – betet,
freie Schweizer (Fällander Tagebuch 13)

Eltern – das Doping ihrer Kinder. Der Klimawandel spaltet das ewige Eis. Kindeskinder bestaunen neue unberührte Naturlandschaften.

23. Juli 2017

Die Sonntagszeitung veröffentlicht als Illustration des Artikels «Hobbysportler schummeln am Laufmeter» das beklemmende Bild, das der Sportfotograf Manfred Binder beim Zieleinlauf der Drei- und Vierjährigen am Linzer Juniormarathon 2016 «geschossen» hat. MütterVäterEltern schleppen. reissen. schwingen ihre heulenden und durch die tatkräftige Unterstützung eingeschüchterten Nachkommen an deren halb ausgekugelten Ärmchen über die Ziellinie. «Die Kinder seien an den Händen der Eltern einen halben Meter hoch durch die Luft geflogen, sagte er der Zeitung Der Standard. ‹Da wollten die Eltern gewinnen. Die Kinder haben geweint.›» (Spiegel online, 6.4.2016). Wie sagen die Fürsorglichen doch gerne: «Ich mache alles für meine Kinder.»

Eltern sind das (erlaubte) Doping ihrer Sprösslinge. Gesunder Sport ist etwas anderes. Fairer auch. Was, beispielsweise, ist mit jenen Kindern, deren Väter und Mütter keine starken Arme oder keine Zeit haben, ihren Kleinen zuzusehen, wie sie, damals in Linz, 40 Meter rennen und torkeln, um sie dann über die Ziellinie zu schleudern? Weil sie damit beschäftigt sind, das Geld für MieteEssenKrankenkasse zu verdienen?

Im April dieses Jahres wurde der Linzer Juniormarathon mit neuen Regeln ausgetragen. Begleitpersonen durften nicht mehr mitlaufen, mussten still sitzen und zusehen, wie ihre Kleinsten ohne elterliche Beihilfe und erst noch weiter rennen mussten, viel weiter, 60 bis 180 Meter weit. Weil «aus Sicht der Veranstalter und erfahrener Kindertrainer weniger Stress für die Kinder entsteht, wenn diese länger laufen können und keine Reihung stattfindet» (www.linzmarathon.at). Bei den 3- bis 5-Jährigen wurde die Zeit nicht mehr gestoppt. Jedes Kind mit einer «Mitmachmedaille» gefeiert.

Da wird am Nachwuchs eingelöst – Mitmachen ist wichtiger als Siegen –, was bei den Grossen zwar als olympischer Gedanke gepriesen und gepredigt, aber mit blutigen Füssen sowie harten Bandagen getreten wird. Selbst «ambitionierte Freizeitsportler» tricksen, was das Zeug hält. Und vor Dopingkontrollen müssen sie, im Gegensatz zu Bolt (emeritiert) & Co., keine Angst haben. Aber sie schrecken auch nicht davor zurück, als Läufer aufs Velo, als Radfahrer ins Auto umzusteigen oder die vorgegebene Strecke clever abzukürzen. Erzählt Andreas Csonka, CEO von Datasport, dem grössten Anbieter für die Zeitmessung an Schweizer Grossveranstaltungen, der Sonntagszeitung. Hauptsache Erfolg.

Samedan, 24. Juli 2017

Auf der neuen Oberengadiner Wanderkarte – bis letztes Jahr hatte ich immer die Ausgabe von 1982 im Rucksack – ist kein Weg mehr von der Diavolezza über den Vadretgletscher zur Isla Pers, dann über den Morteratsch zur Bovalhütte eingezeichnet. Nicht einmal eine Alpinwanderroute. Die auf der alten Karte vermerkte «Gebirgstour, weglos» war eine der wenigen Attraktionen, mit denen meine Eltern mich (und sich) auf diesen endlosen Wanderungen bei Laune zu halten versuchten. Der Vater überliess mir als Kind den Eispickel mit dem langen Holzstiel – den ich noch bis vor wenigen Jahren im Keller lagerte – und demonstrierte mir, wo ich über die Spalten springen konnte, auch wenn das Wasser in der Tiefe des Eises etwas unheimlich gurgelte. Ein Dia aus jener Zeit zeigt meine Mutter mit einem aus monetären Gründen auf der neuen Bernina selbst genähten Faltenjupe, mich mit kurzer Hose (damit ich mir beim Klettern nur die Knie blutig machen, nicht den Stoff zerreissen würde) und den handgestrickten Wandersocken auf der sich wölbenden Masse gefrorenen Schnees und Wassers, im Hintergrund der Palü mit seinen drei markanten Gipfeln und Graten.

Viele Jahre später, nach einer längeren Wanderpause, fuhr ich mit meiner damaligen Freundin erneut zur Diavolezza, diesem Steinhaufen, der einen, trotz imposanter Aussicht auf Engadiner Firn, zum schnellen Abstieg auf den Gletscher treibt. Sie schien über das felsige Gelände auf der Isla Pers zu tanzen, vermutlich hatte sie etwas Angst vor dieser Überquerung, versuchte, dem unsicheren Boden zu entgehen, indem sie ihn nur mit den Fussspitzen berührte – wie eine Primaballerina. Vor rund zwanzig Jahren überredete ich dann S, mit dem Finger den vom Bundesamt für Landestopographie mit roten Punkten markierten Pfad nachzeichnend, mit den Kindern die sich zurückziehenden Wasserspeicher zu überqueren. Die Risse waren zahlreicher geworden und zwangen mich mehrfach, einen Weg aus dem Labyrinth zu finden, vor allem beim Ausstieg Richtung Pasculs da Boval. Der Klimawandel spaltet das ewige Eis, bringt es zum Schmelzen und nimmt einem alten Mann 2017 die Möglichkeit, den Morteratschgletscher noch einmal ohne Seil und ortskundige Begleitung zu betreten.

Samedan, 26. Juli 2017

Vielleicht ist es trotz psychoanalytischer Offensichtlichkeit Zufall, dass ich in der Nacht vor dem Ausflug zu den Gletschermühlen von Cavaglia von einem Mann träume, dem der Enkel aus dem Arm und ins Wolfsgehege rutscht. Die Tierpflegerinnen, unter ihnen auch ein Mann, finden nur noch den Rucksack und die schwarzen Turnschuhe des Grossvaters, der den Eltern nicht hat erklären wollen, weshalb er ohne ihren Vierjährigen vom Zoobesuch zurückkommt und das Problem der Schuld auf radikale Weise löst. Die Wölfe schlafen im Schatten der Bäume, mittendrin sitzt der Kleine in seiner Matschhose und plaudert mit seinem Plüschhasen. Bei den «Töpfen der Riesen» – die an das Mahlen der Gletscher vor Jahrmillionen erinnern – nehme ich N. auf den Arm, damit er, «log emal», die Steinkugeln in der Tiefe bestaunen kann, mit beiden Armen umklammere ich ihn, dass er fast keine Luft mehr bekommt, vorsichtig darauf achtend, dass der nächste Tritt hält.

Samedan, 1. August 2017

Ich verfalle in eine Art Ferienmodus. Das Hirn wird träge. Das (Kriegs-)Getrommel leiser. Der Kopf scheint sich zu leeren. Routinierte Abgeklärtheit weicht lustvoller Gemütlichkeit. Ich lebe in die Stunde hinein. Und bekomme Angst, ich vermöchte nie mehr die Kraft zu Empörung und Verzweiflung – die einen zu Widerspruch und Widerstand treibt – aufzubringen. Würde nie mehr an meinen Arbeitstisch zurückkehren, um mich irgendwie und hilflos einzumischen in das regionale und globale Geschehen, sondern mich der wiederkehrenden Erkenntnis ergeben, es sei bedeutungslos, ob und was ich schreibesagetue. Ich könnte ebenso gut und genüsslich in der Sonne liegen bleiben, durch den Regen joggen, irgendein Buch lesen, mir einen alten (Kitsch-)Film reinziehen, auf dem Greifensee herumpaddeln oder stundenlang die Steinböcke hinter der Fuorcla Pischa beobachten, die sich nicht einmal von den Ungeduldigen in Outdoor-Outfit – die sie mit ihren (Handy-)Kameras ohne anständiges Zoom bedrängen – in Aufregung versetzen lassen. Die vom Aussterben bedrohte Mopsfledermaus, die Kinder von Mossul, «die Welt» – ihnen hilft nicht, was ich tue; sie kümmert nicht, was ich lasse. Das darf der eitle Schreiber ihnen auch mal ein wenig übel nehmen und etwas verschnupft tun.

Samedan, 3. August 2017

«Die Schweizer Gletscher sind nicht zu retten», titelt der Tagesanzeiger heute. «Bis 2100 wird fast die gesamte Eisfläche in der Schweiz verschwunden sein.» Schreibt Marc Brupbacher. Der Lagh da Caralin, den wir in ein paar Tagen besuchen werden, ist erst vor ein paar Jahren entdeckt worden und «durch das stetige Schmelzen des Gletschers», des Palügletschers, entstanden, wie auf der Website www.wanderland.ch nachzulesen ist. Auf dem Rückweg zur Alp Grüm werden wir plötzlich hören, wie sich ein Rumpeln in das Tosen des Bachs mischt. Von Steinbrocken und Geschiebe braun eingefärbt, wird das Wasser talwärts donnern, in den Lac da Palü hineinschlieren, bis dessen Blau grösstenteils braun überstrichen sein wird. «In den Bergen und auf höheren Lagen wird es praktisch nur noch Felsen und Schutt geben», hat die Zürcher Geologin Kathy Ricklin schon vor einem Jahr bei swissinfo.ch zu Protokoll gegeben. Muss die Schweiz ihre Landeshymne neu schreiben? «Trittst im Morgenrot daher, seh‘ ich dich im Strahlenmeer, dich, du Hocherhabener Herrlicher!» Murmeln Schweizer Sportlerinnen und Sportler, wenn sie’s aufs oberste Treppchen geschafft. Weiter wissen viele nicht, und was dann kommt, klingt ja auch fast wie eine Drohung: «Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!» Was wird der herrliche Hocherhabene tun und die freien Schweizerinnen – werden sie noch beten, wenn sich nur noch Fels und Geröll röten? Was passiert mit der eidgenössischen Identität – die so schnell bedroht scheint –, wenn der Biancograt nur noch grau schimmert, auf dem Rhonegletscher Buchen wachsen und Wildschweine im Kies unter der Monte-Rosa-Hütte nach Trüffeln schnüffeln?

N. und L. sowie ihre Kinder und Kindeskinder werden die nach der grossen Schmelze entstehenden Seenlandschaften vermutlich als «unberührte Natur» bestaunen. Sich darüber freuen, dass sie nicht mehr, wie ihre Grosseltern, in einen Flieger steigen müssen, wenn sie Palmen und das Meer sehen wollen, das dannzumal womöglich zu einem unüberwindlichen Schützengraben zwischen Europa und Afrika angeschwollen sein wird.

siehe auch Infosperber

Das letzte Wort

Ein Bundesrat muss nicht
unbedingt ein Fisch sein

«Unbedingt eine Frau in den Bundesrat wählen?»
Fragt der Tagi. Nein, sagt die NZZ:
«Es gibt Wichtigeres als die Frauenfrage.»

Kaum ist der neue Bundesrat, Ignazio Cassis, gewählt und vereidigt, degustiert eine SRF-Journalistin den Tessiner Wein am Apéro-Buffet und beschäftigt sich mit der Frage, weshalb CVP-Nationalrat Jakob Büchler weder Roten noch Weissen, sondern alkoholfreien Apfelsaft trinkt. Es sei noch etwas früh, erklärt der vernünftige Mann aus dem appenzellischen Maseltrangen etwa morgens um zehn. Eine Bundesratswahl stellt die Welt nicht auf die Füsse. Nicht einmal in der Schweiz.

Das Kreuz mit «der Frau»

Nachdem, auch als Reaktion auf eine entsprechende Forderung aus Frauenkreisen, in den letzten Tagen und Wochen immer mal wieder der Seufzer «Muss es denn unbedingt eine Frau sein?» zu hören und zu lesen war, wird «die Frau», Isabelle Moret, diskussionslos auf den dritten und letzten Platz verwiesen. Die Männerwelt ist wieder in Ordnung. Aber: «Es wird die Zeit kommen», orakelt Michael Schoenenberger in der Neuen Zürcher Zeitung unter dem Titel «Es gibt Wichtigeres als die Frauenfrage» schon am 10. August präventiv, «in welcher wiederum fähige Frauen zur Verfügung stehen, deren Wahl nicht zu einer problematischen Machtkonzentration führt.» Irgendwann wird die Zeit kommen – wie das Schiff bei Lale Andersen. «Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen // Den ich so lieb‘ wie keinen, und der mich glücklich macht // Ein Schiff wird kommen und meinen Traum erfüllen // Und meine Sehnsucht stillen, die Sehnsucht mancher Nacht.» Warum nur müssen Frauen heutzutage von Bundesratssitzen träumen?

Mit Blick auf die nächste Vakanz – vermutlich der CVP-Sitz – weist Parteipräsident Gerhard Pfister in der anschliessenden Kommentarrunde auf das Kreuz hin, das alle Parteien gemeinsam trügen – den «Druck, eine Frau zu bringen», um dann einzuschränken, nach dannzumal 11, 12 oder 13 Jahren Leuthard hätte seine Partei keinen «Aufholbedarf» mehr. Auch dann wird gelten: Es muss nicht unbedingt eine Frau sein. Hauptsache, der Fähigste wird gewählt.

Solange eine Frau damit rechnen muss, mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, sie sei eine «Quotenfrau» (eine im Übrigen miserable Quote für die Hälfte der Bevölkerung), sie sei nur gewählt worden, weil sie eine Frau sei; solange Frauen, die nicht gewählt werden, zu Recht oder Unrecht, das Gefühl haben können, sie seien ihres Geschlechts wegen nicht gewählt worden; solange Männer nicht zu hören bekommen, sie seien «Quotenmänner» (immerhin eine weit über ihrem Bevölkerungsanteil liegende Quote), sie verdankten ihre Karriere ausschliesslich ihrem Y-Chromosom, solange ist es reine Propaganda, zu behaupten, die Frauen-, die Geschlechterfrage spiele keine Rolle mehr, es gehe ausschliesslich um Kompetenz.

Muss es denn unbedingt ein Mann sein?

Der Satz «Muss es denn unbedingt eine Frau sein?» und, umgekehrt, die von Frauen propagierte Strategie, mit einem «reinen Frauenticket» in Bundesratswahlen zu gehen, sind Zeichen dafür, dass die Wahl von Frauen nicht Normalität, sondern das Aussergewöhnliche, die Wahl von Männern Standard ist. Die Frage «Muss es denn unbedingt eine Frau sein?» ist der Versuch, eine untervertretene Gruppe – aus Angst um die eigenen Wahlchancen – mit einer Art Präventivschlag zurückzubinden. Muss es denn unbedingt ein Fisch sein? Fragen die Menschen. Darf es nicht auch (wieder einmal) einer von uns sein?

Muss es denn unbedingt (schon wieder) ein Mann sein? Wenn diese Frage nicht mehr gestellt werden muss, ist die Wahl einer Frau zur Selbstverständlichkeit geworden, und dann gibt es tatsächlich Wichtigeres als die Geschlechterfrage.

Siehe auch Infosperber