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Das letzte Wort:
Zurückschläge oder Die Sehnsucht
nach dem Ende aller Gewalt [pdf]
Ich sehe die Kinderzeichnung noch verschwommen vor mir und weiss, was mir damals, vor bald vierzig Jahren, als erstes in die Augen stach: Eine Figur, die mit einer Pistole auf eine andere zielte. Ich war jung und zum ersten Mal «mit Erfolg» verliebt, wenn auch nicht immer glücklich. Der Vater meiner ersten Freundin war ein schwerer Alkoholiker, der mehr als einmal zuschlug, auch schon mal eine Holztüre, hinter der sich Frau&Kinder versteckten, eintrat, das Telefonkabel, mit dessen Hilfe eine der Töchtern die Polizei alarmieren wollte, aus der Wand riss oder mit Benzinkanister und Gewehr in der Hand Schlimmeres androhte. Wenn er nach Arbeit und Beiz zur Türe hereinkam, war schlagartig Angst in der Wohnung, nach Minuten lautes Brüllen angesagt, ausser – und darauf hofften alle – er legte sich umgehend ins Bett. Jeden Morgen wartete ich vor der Schule auf meine Freundin, um mich in den paar Minuten, die uns blieben, bis wir beide in damals noch getrennte Mittelschulen gingen, zu vergewissern, dass sie noch lebte. Die Zeichnung übrigens schenkte ihr kleiner Bruder dem Vater zu einem Geburtstag. Die Polizei, von der Mutter mehr als einmal gerufen, begnügte sich in jenen Jahren damit, die Frau zu ermahnen, sie dürfe halt so einen starken Mann nicht reizen. Die Zeiten haben sich, in diesem Punkt zumindest, geändert. Ob alles gut geworden ist, wird noch zu bedenken sein. Damals versuchten die Frau und ihre Kinder sich dadurch zu schützen, dass nie jemand alleine zu Hause blieb.
Die folgende Geschichte wurde mir von einer inzwischen pensionierten Pfarrerin zugetragen, die viele Jahre nach Südafrika reiste und in der schweizerischen Anti-Apartheid-Bewegung aktiv war. Ein ihr bekanntes Mitglied einer dieser Kommissionen, die sich in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit den Verbrechen der Apartheid beschäftigen – noch bevor die offizielle Wahrheits- und Versöhnungskommission das von 1996 bis 1998 übernimmt – wird zu Beginn dieser Arbeit von einem ihm Unbekannten zur Seite gezogen. «Ich bin derjenige, der deine Folterung befohlen hat», gesteht der Fremde ohne sichtbare Not und will wissen: «Kannst du trotzdem mit mir zusammenarbeiten?» Der Überraschte bittet sich eine Nacht Bedenkzeit aus. Sie müssen auf diese Antwort nur knapp 45 Minuten warten.
Mehr als fünfzig Jahre früher, im Jahre 1942, wird der jüdische Lagerinsasse Simon Wiesenthal ans Bett eines SS-Mannes geführt, der ihm, den eigenen Tod vor Augen, seine Beteiligung an den Verbrechen des Nationalsozialismus beichtet. «Ich weiss, was ich Ihnen erzählt habe ist furchtbar», fährt er fort, «In den langen Nächten, in denen ich auf den Tod warten musste, hatte ich immer wieder das Bedürfnis mit einem Juden darüber zu sprechen ... und ihn um Vergebung zu bitten. Ich wusste nur nicht, ob es überhaupt noch Juden gibt.» Offenbart er Simon Wiesenthal, der durch die von den Nazis so genannte und sprachlich verschleierte «Endlösung» viele Angehörige verlor, der nach dem Krieg ein Leben lang nach Naziverbrechern suchte und sie vor Gericht brachte. «Ich weiss, was ich verlange, ist fast zu viel für Sie», sagt der Mörder, «aber ohne Antwort kann ich nicht im Frieden sterben.» «Da liegt ein Mann im Bett und will in Frieden sterben», schreibt Wiesenthal in seiner autobiografischen Erzählung «Die Sonnenblume» später, «aber er kann es nicht, weil ihm ein entsetzliches Verbrechen keine Ruhe lässt. Und neben ihm sitzt ein Mann, der sterben muss – aber nicht sterben will, weil er das Ende solch entsetzlicher Verbrechen erleben will.» Auch auf Simon Wiesenthals Reaktion komme ich am Schluss zurück ...
[ganzer Text]
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Eine Zugreise zum Vergessen n Lese-probe // Jetzt im Buchhandel :

Heidi Schänzle-Geiger // Gerhard Dammann (Hrsg.): Alois und Auguste - Alzheimer und Demenz - Geschichten über das Vergessen, Frauenfeld: verlag huber, 2009 n Bestellen.
n Feindbild Schülerin, Feindbild Schüler_«Folio», Februar 2009 n Bestellen.
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